2017 Selbstwirksamkeit in Schule und Beruf

„Possunt quia posse videntur“  - „Sie können es, weil sie glauben, dass sie es können.“
Bereits vor über 2000 Jahren brachte der römische Dichter Vergil mit diesem Aphorismus auf den Punkt, was der Psychologe Albert Banduras Ende der siebziger Jahre als Konzept prägte: Selbstwirksamkeit.  

 „Motivation, Gefühle und Handlungen von Menschen resultieren in stärkerem Maße daraus, woran sie glauben oder wovon sie überzeugt sind, und weniger daraus, was objektiv der Fall ist“, stellte Banduras bei seinen Untersuchungen fest.

Was diese Erkenntnisse für den Alltag in Schulen und Betrieben im Hinblick Motivation, Leistung und Erfolg bedeutet, war Thema der diesjährigen Jahrestagung SCHULEWIRTISCHAFT in Idar-Oberstein mit dem Titel „Ich kann- du kannst- wir können I Selbstwirksamkeit in Schule und Beruf“.

Mit dem Thema rücke man in einer sich technisch schnell entwickelnden Welt den Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtung und knüpfe an das Thema Potenzialanalyse der vorangegangenen Jahrestagung an, erläuterten die Vorsitzenden SCHULEWIRTSCHAFT, Michael Steuler und Doris John bei ihrer Begrüßung die Genese des Themas.

Und dennoch: fast alle Referenten der Tagung räumten ein, beim ersten Hören nichts mit dem Begriff der Selbstwirksamkeit verbunden zu haben. Erst auf den zweiten Blick und nach einiger Auseinandersetzung mit dem Thema hätten sie festgestellt, wie das Thema die eigenen Lebensbereiche berühre.

So auch Dr. Gerhard Braun.  Auch wenn der Begriff nicht selbstverständlich sei, müsse man sich mit der Thematik aus verschiedenen Blickwinkeln auseinandersetzen, führte Braun aus. Das Thema sei aus wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und persönlicher Sicht für jeden von Bedeutung. Vor dem Hintergrund einer sich veränderten Arbeitswelt und den damit verbundenen Herausforderungen brauche die Wirtschaft selbstwirksame Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die neue Entwicklungen und Aufgaben annehmen und wissen, dass sie fähig sind im Tempo dieser Entwicklungen zu lernen und neue Aufgaben und Herausforderungen zu bewältigen.  Dies gelte insbesondere im naturwissenschaftlich-technischen Bereich, wo der Fachkräftemangel besonders zu spüren sei. Leider seien junge Frauen seien bei technischen Berufen und Studiengängen immer noch stark unterrepräsentiert, bedauerte Braun. Dass Frauen sich nur selten für die gut bezahlten  Berufe im technischen Bereich entscheiden, sei ein entscheidender Grund für den Gender Pay Gap, so Braun weiter. Grund sei die geringe Selbstwirksamkeitserwartung von Mädchen in den naturwissenschaftlich-technischen Fächern. Hier bestünde Handlungsbedarf.

Führungskräfte in Wirtschaft und Schule müssten sich der Frage stellen, welche Rolle die Selbstwirksamkeit für die Motivation und die Mitarbeiterbindung spiele und wie sie durch die richtigen Maßnahmen des Fördern und Fordern Einfluss nehmen könnten.

Wie das Konzept der Selbstwirksamkeit im Bildungssystem in Rheinland-Pfalz verflochten ist, erläuterte Bildungsministerin Hubig in Ihrer Rede. Schule müsse Schülerinnen und Schülern Erfolgserlebnisse vermitteln und sie in ihren Bestrebungen ermutigen.  Schule sei mehr als ein Ort der Wissensvermittlung. „Schule vermittelt Bildung“, so Ministerin Hubig.

Dieser Anspruch sei bereits im ersten Paragraphen des Schulgesetzes verankert: „Der Auftrag der Schule bestimmt sich aus dem Recht des jungen Menschen auf Förderung seiner Anlagen und Erweiterung seiner Fähigkeiten….“. „Man könnte sagen: aus dem Recht auf Selbstwirksamkeit“, so Hubig.  

Auch die Grundlagen, wie Selbstwirksamkeit in der Schule umgesetzt werden solle, seien im Gesetz formuliert: „In Erfüllung ihres Auftrags erzieht die Schule zur Selbstbestimmung….. Sie führt zu selbständigem Urteil, zu eigenverantwortlichem Handeln und zur Leistungsbereitschaft; sie vermittelt Kenntnisse und Fertigkeiten mit dem Ziel, die freie Entfaltung der Persönlichkeit und die Orientierung in der modernen Welt zu ermöglichen, Verantwortungsbewusstsein für Natur und Umwelt zu fördern sowie zur Erfüllung der Aufgaben in Staat, Gesellschaft und Beruf zu befähigen. …“

Die Konzeption sei Bestandteil der Lehreraus- und Fortbildung und von Projekten zur Stärkung von Sozialkompetenzen und Demokratieverständnis von der KiTa bis zur Schule im Land.  Die grundlegende Idee des Konzepts zur Studien- und Berufsorientierung beinhalte die Stärkung der Selbstwirksamkeit von jungen Menschen. Mit Blick auf die Fachkräftesicherung sei die Studien- und Berufsorientierung ein wichtiges Instrument, das falsche Entscheidungen und frühzeitige Abbrüche verhindern könne. Die Ministerin versprach, an diesem Thema intensiv weiterzuarbeiten.

Bei dem Thema MINT teilte die Ministerin die These von Dr. Braun. Eine Studie zeige, dass die Selbstwirksamkeitserwartung eine größere Auswirkung auf die Wahl des Berufes, der Leistungsfächer und Studiengänge hat als das eigentliche Interesse oder die gezeigten Leistungen. So gäbe gerade in den MINT-Fächern Unterschiede in den Selbstwirksamkeitserwartungen zwischen Männern und Frauen.  „Und das Schöne ist“,  so die Ministerin weiter, „das kann man ändern.“ Die Frage, wie Mädchen für die naturwissenschaftlich-technischen Fächer begeistert werden könnten, sei als Querschnittsthema in die MINT-Initiative des Landes eingegangen.

Was die Quellen von Selbstwirksamkeit sind, wie sie uns steuert und wie sie beeinflusst werden kann, erläuterte im Anschluss die Hauptreferentin der Tagung, Psychologin Gerdamarie Schmitz an hand von vielen praktischen Beispielen.  Darüber hinaus gab sie Anregungen, wie die Selbstwirksamkeit von Schülerinnen und Schülern durch entsprechende Unterrichtskonzepte gestärkt werden kann.