2013 Funktionaler Analphabetismus

Lesen und schreiben kann doch jeder, oder?

Mit dieser Frage lud SCHULEWIRTSCHAFT Vertreter aus Schulen, Politik und Wirtschaft zu ihrer Jahrestagung 2013 nach Trier.

In Deutschland gelten 7,5 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter als funktionale Analphabeten. Rund 350.000 dürften es in Rheinland-Pfalz sein. Diese Menschen können Buchstaben und auch einzelne Wörter zwar mühsam entziffern, sie sind jedoch nicht in der Lage, den Sinn längerer Texte zu erfassen. „Im Alltag fallen uns funktionale Analphabeten zumeist gar nicht auf. Doch mehr als die Hälfte von ihnen ist erwerbstätig“, sagte Matthias Moelle in seiner Einführung. Der Vorsitzende Wirtschaft der Landesarbeitsgemeinschaft gab den 140 Teilnehmern zu bedenken, dass „wir alle diesen Mensch schon begegnet sind: Sie bedienen uns im Restaurant, sie reparieren vielleicht sogar unser Auto oder unseren Fernseher – ohne die Bedienungsanleitung lesen zu können!“
Der volkswirtschaftliche Schaden sei immens. „Hier liegen individuelle Potentiale brach und können vorhandene Ressourcen nicht richtig genutzt werden“, so Moelle.

„Fast ein Drittel aller Erwerbslosen sind funktionale Analphabeten“, bestätigte Anke Grotlüschen. Die Professorin aus Hamburg ist Autorin der Level-One-Studie (Leo) zum Analphabetismus in Deutschland. Sie beschrieb die Gruppe mit einer Reihe sozio-demografischer Merkmale: 80 Prozent besitzen einen Schulabschluss, 70 Prozent sind deutsche Staatsbürger, 60 Prozent sind Männer, 57 Prozent haben einen Arbeitsplatz. „Fehlende Qualifikation führt zu funktionalem Analphabetismus“, so die Wissenschaftlerin. Und dies habe gravierende Folgen. So seien 16 Prozent der funktionalen Analphabeten arbeitslos. Jene mit Beschäftigung arbeiteten häufig im gering entlohnten Bereich. Hinter jedem funktionalen Analphabeten ständen Mitwisser. Auch diese gelte es mit in den Prozess einzubinden. Mit Blick auf andere Länder formulierte sie: „Politics Matter“: Einer Reihe von Ländern sei es gelungen, mit gezielten Bildungsanstrengungen die Zahl der funktionalen Analphabeten zu senken. Dies müsse endlich auch in Deutschland gelingen.

“Weckruf für die Politik“
Diesen Ball griff Bildungs-Staatssekretär Hans Beckmann in seinem Vortrag auf. „Lange Zeit dachten wir, dass das Phänomen Analphabetismus auf Drittwelt- und Schwellenländer beschränkt ist. Seit der Leo-Studio ist das anders.“ Sie sei ein „Weckruf“ für die Politik gewesen, auch für die rheinland-pfälzische Landesregierung. So kooperierten heute viele Akteure im Land, um Analphabeten entsprechende Angebote zu unterbreiten. Das gelte für Weiterbildungsträger, Sozialpartner, Kommunen, Jobcenter und vor allem die Volkshochschulen. „Und wir haben im Landeshaushalt mehr Geld für die Programme zur Verfügung gestellt“; sagte Beckmann. Als wichtigen Handlungsort bezeichnete der Bildungspolitiker aber auch die Schulen.

Was Schulen und Lehrkräfte leisten können, war Thema der abschließenden Podiumsdiskussion. An ihr wirkten neben Frau Prof. Grotlüschen und Staatssekretär Beckmann auch Steffi Rohling, Direktorin des Verbandes der Volkshochschulen in Rheinland-Pfalz, Eva Frank, Rektorin der Goethe-Hauptschule in Mainz, Nina Krämer, Koordinatorin vom Trierer Bündnis für Alphabetisierung und Tim-Thilo Fellmer mit.

Fellmer war selbst lange Jahre funktionaler Analphabet, ehe er im Alter von 25 lernte, Texte verstehend zu lesen. Heute ist er Autor, Verleger und Botschafter des Bundesverbandes Alphabetisierung. Seit 2005 setzt er sich in der Öffentlichkeit für die Auflösung des Stigmas, das mit dem Thema verbunden ist, ein. „Ich habe von Anfang an keinen Zugang zur Schriftsprache gefunden“, erzählte Fellmer. Er sei fast ohne Schreib- und Lesekompetenzen auf die Hauptschule gekommen. „Förderung gab es damals keine.“ Nach vielen negativen Schulerfahrungen fehle den Betroffenen der Glaube, dass sie es doch noch schaffen können, lesen und schreiben zu lernen.

In der Schule müsse den der Sprache gegenüber abgeneigten Schülern der Wert der Sprache vermittelt werden, erläuterte Eva Frank ihr Vorgehen in der Schule, wo das Thema ihr oft begegne. „Wenn die Anwendbarkeit von Schriftsprache vermittelt wird und sich erste Erfolgserlebnisse einstellen, dann will man mehr“, ergänzte Fellmer. Die Politik stehe vor der Aufgabe, Alphabetisierung und Grundbildung in die Lehrerausbildung aller Lehrer und in die Fort- und Weiterbildung einzubringen, bestätigte Beckmann.

Ca. 800-1.000 Teilnehmer an Alphabetisierungskursen werden jährlich von den Volkshochschulen in Rheinland-Pfalz erreicht, erklärte Rohling. Wünschenswert sei neben mehr Öffentlichkeit und Verständnis für die Betroffenen eine stärkere Vernetzung mit Unternehmen, um maßgeschneiderte Angebote entwickeln zu können. Dies stecke noch in den Kinderschuhen.

Wie funktionaler Analphabetismus zu finanziellen Verlusten von Betrieben führen kann, erläuterte Fellmer am Beispiel seiner eigenen Biografie. Dankbarkeit, Loyalität und Einsatz seien der Dank für die verständnisvolle Hilfe von Seiten des Arbeitgebers, appellierte Fellmer an die Unternehmer, betroffene Mitarbeiter vorurteilsfrei anzusprechen und ihnen zu helfen.

Das abschließende Fazit des SCHULEWIRTSCHAFT-Vorsitzenden Matthias Moelle aber auch die Diskussion der Arbeitskreisleiterinnen und -leiter beim nachfolgenden  Erfahrungsaustausch machte deutlich, wie wenig wir bis dato über das Problem des funktionalen Analphabetismus wussten, wieviel Aufklärungsarbeit in den Unternehmen noch vonnöten ist, wie wenig auch Schulen bislang darauf vorbereitet sind, funktionale Analphabeten zu erkennen und ihnen wirksam zu helfen, vor allen Dingen aber, wie behutsam dabei mit den Betroffenen umgegangen werden muss.

Informationen zum Thema Alphabetisierung und Grundbildung in Rheinland-Pfalz mit Videointerviews von Lernenden, Kursen und Ansprechpersonen sowie Hinweisen, wie Sie helfen und unterstützen können, finden Sie unter www.alpha.rlp.de